Presse: “Stadtführung im Sauseschritt”

Der joggende Stadtführer

von M. Wölfelschneider/ Offenbach Post/ 05.03.2010

„Wann bist Du das letzte Mal gejoggt?“ will Bastian Klinzing am Telefon von mir wissen. Während ich verzweifelt versuche, mich an meine jüngsten Versuche zu erinnern, dem inneren Schweinehund die Hacken zu zeigen, entsteht eine peinliche Pause. Bastian beendet sie mit einer treffenden Vermutung: „Du bist also völlig untrainiert!“

Als wir uns ein paar Tage später vor der Französisch Reformierten Kirche in Offenbach begegnen, erkennen wir uns schon von weitem an Klamotten, die hier sonst keiner trägt: Ich bin der Typ in der löchrigen Baumwollhose, die ich gerade erst entmottet habe. Neben mir macht Bastian eine tadellose Figur. Weil er weiß, dass Männer in hautenger Funktionsbekleidung meist lächerlich wirken, hat er sich eine weite Adidas-Short über seine lange Läuferhose gezogen. Gegen die klirrende Kälte schützt ihn eine Wollmütze mit der Aufschrift „Wärmebildende Maßnahme“. Bastians ist studierter Sportwissenschaftler und hat in Offenbach vor kurzem eine Firma für Gesundheitsmanagement und Sportlerbetreuung gegründet. Unter dem Namen IM.PULSE bietet er neben Kursen wie „Nightrunning“ oder „Laufen für junge Eltern“ auch unterschiedliche Sightjogging-Touren an. Eine Art Stadtführung im Sauseschritt also, wie sie in Berlin oder Frankfurt bereits Trend ist - und die man nun erstmals auch in Offenbach erleben kann.

Für rund neun Kilometer durch die winterliche City bilden Bastian und ich ein leicht schräges Läuferpaar. Ich hechele, er redet, während wir auf dem Bürgersteig in die Goethestraße einfädeln. Rechts die Synagoge und der Turnverein 1824. Einige schweißtreibende Schritte später eilen wir an der unglaublich winzigen Innenstadt-Tankstelle vorbei, die den 34jährigen Bastian immer an die Zeit erinnert, als er noch mit Playmobil spielte. Ein paar Ecken weiter lässt er den historischen Verlauf der Domstraße vor meinem geistigen Auge wieder auferstehen. „Hör mal, wie ruhig es gleich wird!“, sagt er beim überqueren der dröhnende Berliner Straße. Wir biegen in die akustisch auffällige August-Hecht-Straße, um uns den Weg ins Westend zu bahnen. Im Dreieichpark besichtigen wir Deutschlands älteste Betonbauten ohne Stahlbeigabe. 1879 waren sie der ganze Stolz der hessischen Gewerbeschau und präsentierten sich in strahlendem Weiß. Längst ergraut, gibt ihnen der heutige Schneefall etwas von ihrem alten Glanz zurück. Weiter geht’s in Richtung Innenstadt. Unterwegs schüttelt Bastian Jahreszahlen und Anekdoten aus dem Ärmel, klopft Pulverschnee von versteckten Gedenksteinen oder zeigt mit der Handschuhhand auf Ornamente an hübschen Gründerzeitfassaden, die mir bisher nie so richtig aufgefallen sind. Als er in der Frankfurter Straße vor der Villa Neubecker die Geschichte erzählt, wie Adam Neubecker 1888 auf der Suche nach schnödem Kühlwasser für seine Maschinenfabrik die Kaiser Friedrich Quelle entdeckte, meldet sich Durst in mir. Zum Glück hat der aufmerksame Personal Trainer an meiner nun stechenden Seite neben Socken zum Wechseln und einem Erste-Hilfe-Kästchen auch eine Getränkeflasche in seinem Rucksack.

Perfekt passt sich Bastian meinem Tempo an. Nach unzähligen Stationen zum Beispiel an Wilhelmsplatz (früher ein Friedhof) Finanzamt (früher eine Kaserne) und Marienkirche, gönnen wir uns auf dem Alten Friedhof eine kleine Auszeit zwischen den großbürgerlichen Gräbern bedeutender Persönlichkeiten der Stadt.

Über Mainufer, Isenburger Schloss und Lili-Tempel kommen wir irgendwann zum Startpunkt der großartigen Runde zurück. Direkt am Fluss steht auch der ausrangierte Wagon der Hafenbahn, in dem Bastian selbst schon Spuren hinterließ: 2009 trat er hier mit seiner Band Science Fiction Army auf. Musik ist neben dem Sport und der Stadtgeschichte eine seiner Leidenschaften. Bei ruhigem Puls und einem Stück Käsekuchen im Stadtcafe erzählt der sympathische Lokalpatriot von seinem Anliegen: „Sogar von Freunden werde ich manchmal belächelt, weil ich in Offenbach wohne. Die Stadt hat ihr Proll-Image völlig zu Unrecht. Ich möchte jedem beweisen, dass es hier auch sehr schöne Ecken gibt!“

Informationen zu Sightjogging in Offenbach gibt es im Internet: www.sightjogging-offenbach.deund unter Telefon 069 / 20 32 44 25.